, Präsidium (Scherer Martin)

Interview zum Neustart: Marco Aebersold

Pünktlich zum voraussichtlich verregneten Wochenende kann der SMV das fünfte Interview veröffentlichen. Nach Michael Bach hat ein weiterer Oberländer unsere Fragen beantwortet. Auch Marco Aebersold zieht es immer wieder ins Seeland - als Leiter der Musikschule Aarberg.

 

Frage: Marco Aebersold, wie stark warst du persönlich von der Pandemie betroffen und wie geht es dir heute?

Antwort: Beruflich hat mich die Pandemie vor allem im künstlerischen Bereich getroffen. Meine Tätigkeit als Dirigent ist zum Erliegen gekommen und auch als Bläser konnte ich keine Konzerte mehr bestreiten. Meine Arbeit als Klarinetten- und Saxophonlehrer, sowie als Musikschulleiter hat es zum Glück nur am Rande getroffen. Wir dürfen an den Musikschulen arbeiten, wenn auch unter erschwerten Bedingungen (Unterricht auf Distanz etc.). Somit hat mich persönlich die Krise existenziell nicht getroffen. Ich sehe aber in meinem Umfeld als Berufsmusiker, dass freischaffende Künstlerinnen und Künstler extrem unter der Situation leiden.

F: Neben deiner Dirigiertätigkeit bist auch als Experte tätig, unterrichtest an der Musikschule MUSIKA und leitest die Musikschule Aarberg. Welche Ängste, Albträume oder Szenarien haben dir im vergangenen Jahr am meisten zugesetzt?

A: Wir hoffen alle sehr, dass die Pandemie keinen Schülerschwund an den Musikschulen auslösen wird. Bis jetzt ist dies in meinem Tätigkeitsfeld zum Glück nicht eingetroffen. Die wirtschaftliche Lage scheint sich aber zunehmend zu verschlechtern. Das wirkt sich auch auf das Budget einer Familie aus. Was viele nicht wissen, die Musikschulen haben auch einen Stipendienfonds. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, eine Schulgeldermässigung zu beantragen. Dabei wird das letzte steuerbare Einkommen geprüft.

F: Welche Erkenntnisse und Erfahrungen wirst du mitnehmen?

A: Zeit für das Wesentliche nehmen. Auf politischer Ebene hoffe ich, dass die Bürokratie etwas abgebaut werden kann. Wir neigen leider zu Überregulierungen, was die Pandemie aus meiner Sicht noch verstärkt hat.

F: Wird die Pandemie einen Einfluss auf die Zukunft der Musiklehrer bzw. Musikschulen haben?

A: Obwohl er den Präsenzunterricht nie ersetzen kann, wird der Onlineunterricht als neues Tool wohl weiter eine Rolle spielen. Die Pandemie kann auch eine Chance für uns sein. Einzel- und Kleingruppenunterricht war, ausser im Lockdown, immer möglich. Vielleicht löst die Pandemie auch die Sehnsucht nach dem Musizieren in einer Gruppe aus und viele erkennen, welche Kraft die Musik hat. Hier können die Musikschulen in Zusammenarbeit mit den Vereinen viel Gutes tun. Wir sollten unbedingt alle am gleichen Strang ziehen.

F: Was hast du im letzten Jahr so richtig vermisst?

A: Ganz klar das Zusammensein mit Freunden und Familie (im weiteren Kreis). Die Pandemie hat uns die Geselligkeit genommen. Obwohl ich oft „Fernweh“ habe, konnte ich gut auf das Reisen verzichten. Hingegen habe ich die Proben und die Konzerte, vor allem mit meinem Verein, sehr vermisst. Und hie und da ein gemütlicher Abend bei feinem Essen in einem Restaurant, das hat ebenfalls gefehlt.

F: Welche Tipps hast du für unsere Musikantinnen und Musikanten, die nun längere Zeit ihr Instrument versorgt hatten und sich für die erste Probe vorbereiten wollen?

A: Wenn ihr nur wenig Zeit zum Üben habt, empfehle ich vor allem kurze Einspielübungen. Wenn ihr mehr Zeit habt, spielt bekanntes Repertoire zum Auffrischen durch. Erst wenn ihr richtig viel Zeit habt, macht das Einüben von neuen Solostücken Sinn. Eine(n) Duettpartner(in) suchen und „duettlen“, das macht immer Spass. Ein Update bei uns an der Musikschule buchen ist natürlich immer eine gute Sache. Wir bieten auch kurze Abos mit drei oder sechs Lektionen an.

F: Wann glaubst du, wird die Blasmusikszene wieder zum Leben erweckt, bzw. können die Vereine wieder vollzählig proben?

A: Ich hoffe sehr, dass nach der aktuell laufenden Impfaktion dem Virus den Garaus gemacht werden kann. Wenn es gut läuft… vielleicht schon im Herbst 2021.

F: Wie wirst du die ersten Proben in deinem Verein gestalten?

A: Das Feuer wecken! Mit gut klingenden Stücken ein sattes Forte zum Klingen bringen und den Orchestersound geniessen. Auf das warten wir doch alle. Spielen, spielen, spielen. Erst dann beginnt die Probenarbeit wieder. Ich will nicht zu schnell in Details versinken.

F: Welche Probleme erwartest du als Dirigent in musikalischer Hinsicht?

A: Wer rastet, der rostet. Nach dem Entrosten machen wir einfach weiter. Musik tut gut – nach vorne schauen und Vollgas geben. Ich hoffe, dass alle wie gehabt mitmachen werden.

F: Welche Wünsche hast du für die Zukunft?

A: Ich wünsche mir, dass sich unsere Gesellschaft wieder mehr Zeit für das Musizieren nimmt und dass Musikvereine wieder einen höheren Stellenwert einnehmen.

Marco, herzlichen Dank für das kurze Interview. Der SMV wünscht dir alles Gute.

Danke Euch!

 

Marco Aebersold wurde 1982 in Thun geboren. Sein erstes Musikstudium absolvierte er an der Hochschule der Künste Bern im Hauptfach Klarinette. An der Zürcher Hochschule der Künste studierte er Blasorchesterdirektion und erweiterte Musikpädagogik mit Vertiefung Klarinette und Saxophon. Das Nachdiplomstudium in Musikmanagement schloss er an der Hochschule der Künste Bern, wie alle Studien, sehr erfolgreich ab.

Internationale Meisterkurse für Klarinette und Dirigieren rundeten seine Ausbildung ab. Marco ist heute hauptberuflich Leiter der Musikschule Aarberg. Das Unterrichten und Fördern des musikalischen Nachwuchses ist ihm nach wie vor ein grosses Anliegen. So unterrichtet Marco seit 19 Jahren an der Musikschule unteres Simmental-Kandertal Klarinette und Saxophon. Als Dirigent leitete Marco jahrelang die Musikgesellschaft Gstaad, die Jugendmusik Wimmis-Reutigen und das Jugendblasorchester VBJ.

Seit 2006 ist er Dirigent der Musikgesellschaft Wimmis, mit welcher er in der zweiten Stärkeklasse schöne Erfolge feiern konnte.

Daneben engagierte sich Marco ehrenamtlich während acht Jahren in der Musikkommission des Berner Oberländischen Musikverbandes und stand sechs Jahre dem OK des Blasorchesters Oberland Thun vor. Marco ist zudem Mitglied im Hempels-Klarinettenquartett und spielt, sofern es die Zeit zulässt, in verschiedenen Musikformationen und Orchestern mit. Er amtet regelmässig als Experte an Musikwettbewerben.

In seiner Freizeit geniesst Marco das Lesen, das Reisen, ein gutes Glas Wein mit einem feinen Essen und treibt ab und zu ein wenig Sport. Als leidenschaftlicher Flugzeugfan kann man ihn gelegentlich auch beim Bestaunen der grossen Maschinen auf einer Flughafen-Zuschauerterrasse antreffen.

 

Hier gehts zu den Interviews mit

- Ueli Schori
- Isabelle Ruf-Weber
- Michael Bach
- Bruno Thomann
- Philippe Monnerat
- Pascal Schafer