, Präsidium (Scherer Martin)

Interview zum Neustart: Michael Bach

Seine Expertisen und Meinungen sind gefragt. In seiner musikalischen Karriere kann er bereits auf einige nationale und internationale Erfolge zurückblicken und im Seeland ist Michael Bach nicht nur an unseren Wettbewerben oder in Detligen ein gern gesehener Gast. Umso mehr freue ich mich, ihn für das vierte Interview gewonnen zu haben.

 

Frage: Michael Bach, wie stark warst du persönlich von der Pandemie betroffen und wie geht es dir heute?

Antwort: Zuerst herzlichen Dank für die Einladung zu diesem Interview, welche mich sehr gefreut hat.

Natürlich bin ich in meinem Berufsalltag als Dirigent sehr stark betroffen, denn seit mehr als einem Jahr kann ich nun nicht mehr normal arbeiten. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir das nicht auf die Moral schlägt. Am meisten leide ich unter der Planungsunsicherheit, denn normalerweise besteht mein Leben in erster Linie aus Planung (Probenpläne, Programme, Proben etc.), und ich musste in den vergangenen Monaten immer wieder feststellen, dass es nichts bringt, zu weit in die Zukunft zu schauen.

Aber ich kann nicht sagen, dass es mir nicht gut geht. Durch meine Arbeit als Musikschulleiter an der MS Saanenland-Obersimmental war ich stets zumindest zu 50% beschäftigt, worüber ich sehr dankbar bin. Auch meine Familie mit unseren zwei kleinen Kindern lässt mir das Leben nicht langweilig werden, und ich habe mir fest vorgenommen diese unverhoffte, zusätzliche Zeit umso mehr zu geniessen.

F: Neben deiner Dirigiertätigkeit bist du auch ein gefragtes Jury-Mitglied. Welche Ängste, Albträume oder Szenarien haben dir im vergangenen Jahr am meisten zugesetzt?

A: Ganz zu Beginn der Krise hatte ich schon einen Moment lang recht grosse Zukunftssorgen, weil der Einschnitt in meinen Alltag durch die Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie doch extrem war. Schlussendlich war (und ist) meine Tätigkeit praktisch stigmatisiert, was kein angenehmes Gefühl ist. Und als junger Familienvater drehten sich die Sorgen sehr schnell um die finanzielle Sicherheit. Schnell hat man aber gemerkt, dass „man“ nicht alleine ist mit diesem Problem, und dass einem zumindest finanziell sehr schnell und gut geholfen wurde. Auch die Juryarbeit hat sich in den vergangenen Monaten wieder ergeben (fast mehr als sonst!), einfach halt an Onlinewettbewerben, und ich kann mich auch nicht über fehlende Anfragen für die kommenden Jahre beklagen.

Zudem war ich im Sommer/Frühherbst sehr erfreut zu sehen, dass sich die Dinge wie von mir erhofft und erwartet recht schnell in normalen Bahnen bewegen, sobald die Massnahmen gelockert werden.

F: Welche Erkenntnisse und Erfahrungen wirst du mitnehmen?

A: Dass man nichts für gegeben betrachten darf. Und dass unsere Stärke im analogen Raum liegt, nicht im digitalen, und dass wir kurz- und mittelfristig vor allem unsere Stärken pflegen müssen und unbedingt schnellstmöglich wegkommen sollten von digitalen Experimenten.

F: Wird die Pandemie einen Einfluss auf die Zukunft der Musikszene haben?

A: Das ist schwierig zu beantworten. Ich persönlich hoffe nicht zu sehr, wenn auch es dem einen oder anderen selbstständigen Musiker guttun dürfte, die Karriereplanung etwas zu überdenken. Ich hoffe auf positive Auswirkungen, dass die sozialen Stärken des gemeinsamen Musizierens im Anschluss an die Pandemie wieder mehr geschätzt werden und sich daraus sogar eine Stärkung der Szene ergeben könnte. Aber dafür müssen sich die Vereine ins Zeug legen.

F: Was hast du im letzten Jahr so richtig vermisst?

A:. Wenn man mir das Musikmachen nimmt, nimmt man mir die Seele. Ich habe alles vermisst und vermisse es immer noch.

F: Wann glaubst du, wird die Blasmusikszene wieder zum Leben erweckt, bzw. können die Vereine wieder vollzählig proben?

A: Ich hatte für mich einmal auf Ostern 2021 gehofft, jetzt kommen halt noch ein paar Monate dazu. Ich hoffe, dass das Gröbste für die Blasmusik im August  2021 ausgestanden ist. Aber wer kann das schon wissen…

F: Welche Tipps hast du für Vereine, die sich nach dem Unterbruch wieder für ein Konzert oder sogar einen Wettbewerb - hoffentlich für die Seeländischen Musiktagen 2022 - vorbereiten wollen?

A: Subito die gesellschaftlichen Qualitäten pflegen. Das Musizieren ist wie Velofahren – das verlernt man nie mehr, und die Automatismen werden sehr schnell wieder kommen. Aber die Gefahr besteht darin, dass es zu Beginn etwas harzig sein könnte, und dann wird es gefährlich, dass der eine oder die andere plötzlich merkt, dass es am Abend zu Hause auch ganz schön war. Es muss von Beginn an für Spass gesorgt werden, von allen beteiligten Seiten – natürlich mit musikalischer Qualität.

F: Mit welchen Problemen werden die Dirigentinnen und Dirigenten in musikalischer Hinsicht konfrontiert?

A: Die Musik an und für sich darf zu Beginn nicht im Zentrum stehen – sondern das Musizieren. Man darf meines Erachtens das Fuder jetzt dann nicht gleich überladen mit zu schwierigen Programmen und mühsamen Proben. Wir Dirigenten und Dirigentinnen müssen den Mitgliedern unbedingt schnell einen Grund geben, wieder Woche für Woche auf dem Stuhl zu sitzen und wieder zu üben.

F: Du hast am Saaner Osterkonzert 2021 das «Orchestra degli Amici» dirigiert. Welche Gefühle entstehen, ein so schönes Konzert mit teilweise maskierten Musikantinnen und Musikanten und leeren Bankreihen leiten zu müssen?

A: Das Musizieren hat sich nicht verändert, man weiss es einfach sehr zu schätzen und geniesst es vielleicht mehr, als man es normalerweise getan hat. Die Masken (geht ja nur für Streicher und Schlagzeuger) stören in dem Sinn nicht, daran kann man sich gewöhnen. Mir war es für mich einfach wichtig, das Konzert unmaskiert dirigieren zu können, da sehr viele musikalische Signale über die Mimik kommen.

Was jedoch seltsam ist, ist das fehlende Publikum. Die Spannung ist nicht die gleiche, die Energie kommt nicht durch die Atmosphäre und man muss sich als Dirigent umso mehr anstrengen.

F: Welche Wünsche hast du für die Zukunft?

A: Das ich zusammen mit meinen Freunden schnellstmöglich wieder normal Musik machen kann.

Michael, herzlichen Dank für das kurze Interview. Der SMV wünscht dir alles Gute.

Danke Euch!

 

Michael Bach konnte in den letzten Jahren etliche Erfolge als Dirigent von diversen Brass Bands und Ensembles feiern. Seit 2009 dirigiert er die Höchstklassformation Brass Band Bürgermusik Luzern, mit der er 2013 den Schweizermeistertitel am Schweizerischen Brass Band Wettbewerb im Auditorium Stravinsky Montreux sowie vier Mal den Sieg am Swiss Open Brass Band Contest (2009-2010-2011-2017) im KKL Luzern feiern konnte. Höhepunkt der erfolgreichen Zusammenarbeit ist aber der Gewinn des Europameistertitels am Europäischen Brass Band Wettbewerb 2014 in Perth (GB). Gemeinsam mit der Band ist Michael bestrebt, das Brass Band Repertoire stets zu erweitern. So entstanden auf Bestellung der Brassband Bürgermusik Luzern in den letzten Jahren Werke von Komponisten wie Roland Szentpali, Thomas Doss, Philip Wilby, Peter Meechan oder Paul McGhee, welche allesamt unter Michaels Leitung erfolgreich zur Uraufführung gebracht wurden.

Nachdem er am Schweizerischen Dirigentenwettbewerb Baden 2006 den ersten Preis erringen konnte, feierte er als Dirigent des Ensemble de Cuivres Euphonia (FR) an fünf Austragungen den Titel in der 1. Klasse am Schweizerischen Brass Band Wettbewerbes in Montreux und mit der Brass Band „Harmonie“ Saanen den Sieg am Eidgenössischen Musikfest Luzern 2006 in der 2. Klasse.

Neben diesen Tätigkeiten sammeln sich immer mehr Engagements als Gastdirigent verschiedenster Formationen im In- und Ausland, so arbeitet er zum Beispiel regelmässig mit der Eikanger-Bjorsvik Band aus Norwegen, der Fodens Band aus England, dem Kammerorchester Orchestra degli Amici oder bei Nationalen Jugend Blasorchestern und Brass Bands der Schweiz. Zusätzlich amtet er seit 2011 als Schulleiter an der Musikschule Saanenland-Obersimmental und ist gleichzeitig ein international gefragter Experte für Blasmusikwettbewerbe.

In einer Musikerfamilie geboren konnte Michael von klein auf von einer ausgezeichneten Ausbildung profitieren. Neben seinem Vater Markus S. Bach (Dirigent und Musikschulleiter), seinem Bruder Philippe (Hornist und Orchesterdirigent) zählten Katalin Stojanovits (Klavier), Roland Neuhaus (Solfège und Kirchenorgel), Véronique Gyger-Pitteloud (Cornet) und André Schüpbach (Trompete) zu seinen Lehrern. Nach der Matura am Gymnasium Interlaken studierte er an der Universität Bern wo er mit dem Sekundarlehrdiplom erfolgreich abgeschlossen hat. Das nachfolgende Studium für Blasmusikdirektion an der Hochschule der Künste Bern (HKB) absolvierte er u.a. bei Ludwig Wicki (Dirigieren), Oliver Waespi und Thomas Rüedi (Instrumentation). Diverse Meisterkurse führten ihn zu grossen Persönlichkeiten wie Timothy Reynish, Baldur Brönnimann, Alex Schillings oder Dominique Roggen.

 

Hier gehts zu den Interviews mit

- Ueli Schori
- Isabelle Ruf-Weber
- Marco Aebersold
- Bruno Thomann
- Philippe Monnerat
- Pascal Schafer